Mulpat

Aus dem Dunst unter mir ragt der der Burj Khalifa heraus wie der mystische Turm aus einem Fantasyfilm, ich denke an Zeichnungen von Allan Lee. Froh der Hitze Dubais entkommen zu sein und im klimatisierten Flugzeug zu sitzen ist mir noch nicht ganz klar, dass es vor diesen Temperaturen in den nächsten drei Wochen wenig Entkommen geben wird. Und einsam wird’s auch nicht – nach dem bizarren Zwischenstopp im Las Vegas Arabiens geht es nach Indien.

 

In Bombay/Mumbai angekommen versuche ich in das vorab gebuchte Hotel zu kommen, um mich dort tags darauf mit Karin zu treffen, die mit ihrer Familie für eine Weile im Süden, in Bangalore wohnt. Das gelingt mir nicht: heute wird ein Regionalpolitiker beerdigt/verbrannt, ein willkommener Anlass für die Taxifahrer zu streiken. Ich strande für die Nacht in einem erheblich teureren Hotel, in dem die Bedienung von dem Verblichenen schwärmt, der sich als rechtspopulistischer Strippenzieher einer Partei mit Schlägertrupps entpuppt. Wie ich im Laufe der Zeit lerne, ist die Bewunderung für Erfolg in diesem Land oft von wenig Skrupeln oder auch Vorwissen geplagt– über unseren eigenen Schlächter Hitler sind, wie ich noch feststellen konnte, manchmal nur die „Größe“, nicht die damit verbundenen Greuel bekannt. Doch zu allen Menschen, Meinungen, Dingen dem man als harmloser Tourist begegnet, gibt’s in diesem riesigen Land auch das Gegenteil. Meine kleine, kaum dreiwöchige Stippvistite ist gespickt mit Beispielen dazu.

 

In Bombay finden wir einen netten Taxifahrer, der uns kreuz und quer durch die Stadt fährt. Den älteren Teil dieser riesigen Stadt; viktorianische Bahnhöfe, die eher wie Paläste aussehen; Art-Deko-Kinos, kleinere Strassen, Tempel und Kirchen. Die Kontraste, die man aus Dokumentationen vor dem heimeligen TV sehen kann, bekommen intensive akustische, olfaktorische und physische Noten. Krawattenträger steigen über die auf der Straße Schlafenden, wir tun das auch. Ohne ein bisschen innere Distanz ist das schwer erträglich, zumal ich mich nicht auf den Glauben an schlechtes Karma schützen kann. Im Fischmarkt morgens herrscht emsiges Treiben, unsere Gewerbeaufseher bekämen einen Herzinfarkt, die Nase fährt auf Notstrom, aber es ist bunt, lebendig, und wir bekommen – als seltene weiße Besucher – trotz der Riesendistanz freundlich Fisch angeboten.

 

Freundlichkeit. Meist per öffentlichem Bus reise ich ein paar Tage später für eine Woche über Kochin – Coimbatore – Ooty – Bokkapuram – Mysore wieder zurück nach Bangalore. Ja klar- es gibt das allgegenwärtige Anstarren, penetrante Taxifahrer, ruppige Zeitgenossen und was sonst noch an Nettigkeiten resp. üblichen Indien-Touri-Warnungen möglich ist. Aber es gibt immer auch freundliche Leute; Kollegen, die dafür sorgen, dass ich den richtigen Bus bekomme und vom tuk-tuk-Fahrer nicht über Gebühr übers Ohr gehauen werde, andere mit Hinweisen, die nicht im Lonely Planet Reiseführer stehen, weitere, die mich vor Pannen bewahren oder mir Geschichten erzählen. So auch Taxifahrer, die Ratschläge erteilen, die sich erst mal als nicht so toll entpuppen, wie angepriesen. Aber sie dienten wohl dem Zweck, mich an einen Ort zu führen, der mir zwei äußerst nette Tage unter privatem Dach und neue Bekanntschaften bescherten. Auch in Indien gibt es freundlich gesinnte Reisegötter. Also: auf nach Ooty, einem unter Touristen bekannten Örtchen in den Nilgiri Hills.

 

Aus dem tropisch schwülen Küstengebiete auf über 2000m im local bus. Serpentinen, Linksverkehr und soviel Platz auf der Straße, dass ich bei Begegnungen mit anderen Bussen alles einziehe, was mal aus dem Fenster geschaut hat, damit’s hinterher noch dran ist. In Ooty angekommen – „this place is somehow overrated“ – strande ich im YMCA, was meine durch das erste Hotel angegriffene Reisekasse wieder aufatmen lässt. Nachts geht es auf 0°C runter; ein junger, schlanker Australier fürchtet um sein Überleben und ordert mehr Decken. Ich pflege meine Triefnase und schlafe endlich mal wieder ohne Klimaanlage oder Heizung (gibt’s hier nicht, dafür viel göttlichen Segen).

 

Morgens darauf stolpere ich in eine hinduistische Verlobungsfeier und bekomme sofort eine Einladung zur zugehörigen Hochzeit, leider erst im Januar. Und kurz darauf treffe ich ein Ehepaar, das mich kurzerhand adoptiert und – nach Umweg über Teefabrik und -Plantage – mit in ihr Häuschen am Fuße der Gats am Rande des Mudumalai National Park mitnimmt. Auch hier: Reichtum neben Hütten, ein kleiner Tempel, und trotz Ländlichkeit: überall Menschen. Am zweiten Tag findet ein örtliches Tempelfest statt – Trommeln den ganzen Tag und die ganze Nacht. Auch eine Abwechslung, denn auf dieser Reise werde ich über Gebühr oft von einem oder mehreren Muezzins geweckt, und zwar überall.

 

Das Haus ist gegen neugierige Tiger und sich kratzende Elefanten gewappnet, aber trotz meines stummen Bittens bekomme ich keine der großen Katzen zu sehen. Dafür erweitert sich die Bärensammlung: abends bei der Rückfahrt aus dem Park steht am Straßenrand ein Lippenbär, der sich bei unserer Ankunft bis zur zweiten Baumreihe trollt, und dort ausharrt, bis wir endlich verschwunden sind und er sich wieder den zahlreichen Termiten am Straßenrand widmen kann. Würdevoll dreinblickende Lemuren säumen den Weg, Elephanten hinterlassen ziemlich trockene Haufen und Termitenpaläste gibt es in jedem Wachstumsstadium. Die Nachtfahrt im Jeep am Rande und im Nationalpark bei Vollmond hinterlässt tiefsitzende Bilder im Kopf.

 

Auf dem Rückweg ein kleines Stück Touristenprogramm. In Mysore steht ein Palast, den (Gedächtniszitat) „ die Prinzessin unter großem Eifer und ohne Kosten und Mühen zu scheuen“ im 20 Jahrhundert auf den Ruinen des aufgrund einer Küchenpanne abgebrannten Vorgängerbaues neu errichten ließ (Kein Lob den Bauarbeitern..). Der viktorianisch-muslimisch-indisch gemischte Baustil lässt mich an die 1940er 1001-Nacht Filme denken, die durch meine Kindheitserinnerungen geistern. Die Audioführung bringt mich mehr als einmal zum schmunzeln, und nach Abschluss des Rundgangs darf ich meinen mal wieder zur Sicherheit (wessen?) konfiszierten Pass abholen. Am Gandhi-Platz bekomme ich ein Höllenreisgericht in einem Lokal, dass zur Eröffnung in dichte, nicht Räucherstab- sondern Räucherkohleschwaden gehüllt wurde. Jedenfalls schwitzen alle weißen Gäste, und die anwesenden Inder amüsieren sich: über uns. Die Nacht verbringe ich in einem Pilgerhotel, in einem Zimmer, dass eher an eine Klause erinnert, zusammen mit einem einzelnen Moskito, penetrant wie ein beleidigter, kleiner rachsüchtiger Gott, von denen es ja hinreichend viele gibt.

 

Die Busfahrt bis Bangalore, genaugenommen bis zum Ostrand in die Nähe meiner Gastgeber dauert & dauert und führt durch und über Rumpel- Dauerbaustellen, und das auf der Hauptstrecke. Die viertgrößte Stadt Indiens wächst de fakto unkontrolliert und verlangt Geduld und Koordination wenn man irgendein räumliches Ziel erreichen will. Auf diesem Weg zum letzten Teil meiner Reise gehe ich in Gedanken den Plan einer organisierten Indienreise durch, den ich vor Wochen gelesen hatte, mit einer lange Liste von zu besichtigenden Orten. Die lange Geschichte Indiens hat zahllose Spuren in Form von Tempeln und anderen Bauwerken hinterlassen, in einer verwirrenden Vielfalt und es gibt an weiteren Sehenswürdigkeiten keinen Mangel. Meine Reise mit Familienanschluss, improvisierten Teilabschnitten & viel öffentlichen Verkehrsmitteln hat den Blick mehr auf die kleineren und tagtäglicheren Dinge gelenkt.

 

Z.B. Tempel – aktive Tempel – gibt es in Hülle und Fülle. In Karnataka sind die hinduistischen Anlagen oft bonbonfarben bemalt. Auch die der Sikhs und Jain können problemlos besichtigt werden. Religiosität ist präsenter und normaler, und damit auch gewöhnlicher wie in Europa. Und anders in Wahrnehmung und Praxis. Dem Hinduismus liegt letztlich auch der Glaube an einen einzigen Schöpfer zugrunde. Doch die Vielzahl der Götter (mehr als genug, damit jede(r) von uns eine(n) eigene(n) haben kann) drängt diese Idee in den Hintergrund. Zudem ist uns Europäern das Konzept von zahllosen Erscheinungsformen eines Gottes (die allerdings Geschichten wie aus der griechischen Mythologie liefern) in der praktizierten Form fremd.

 

Wenige Tage nach meiner Rückkehr geschieht die auch durch unsere Medien bekannt gewordene monströse Vergewaltígung inkl. Mord im Norden Indiens. Frauenverachtung bis Frauenhass ist eine Realität in diesem Land, wenn es auch eine kleine, wachsende Mittelschicht gibt, die sich von dieser Art von Tradition zu lösen beginnt, und die auch auf die Straße ging. Abscheulichkeiten wie diese kommen dauernd vor, das Neue ist der Protest. Ebenso ist diese merkwürdige Grundhaltung nicht in allen Religions- oder Bevölkerungsgruppen gleich verbreitet. Aber weiterhin werden auch in Familien mit gut ausgebildeten Frauen und westlicher (Teil-)Orientierung Ehen vermittelt, Frauen zu Abtreibungen genötigt (wenn’s Mädchen gibt) und prinzipiell schikaniert. Zivilisation hat viele Facetten und ist komplizierter Weg für uns alle; in Mitteleuropa ist gesellschaftlich gebilligter Mord- und Totschlag gegen „die unbotmäßigen Weiber“ noch gar nicht so lange her.

 

Die letzten Tage verbringe ich bei meinen Freunden, in und rund um Bangalore. Sie leben in einer „gated community“, auch ein Phänomen großer ökonomischer Unterschiede, überall auf der Welt. Es ist (als de fakto Reicher) vordergründig angenehm, in solch einer Enklave zu wohnen, dafür verbringt man Stunden bei der Fahrt von A nach B. Der Verkehr ist das blanke Chaos, und wie schon öfters auf Reisen schwöre ich mich nie wieder bei uns über irgendwelche Lappalien im Straßenverkehr zu beschweren. In dem bekannteren Einkaufsträßchen an der Mahatma Gandhi Road ist die Straßenqualität der von Ulan Bataar ebenbürtig, und der Lärm ist enorm. Dennoch: als wir in einer Bar im 13ten Stock sitzend den Sonnenuntergang hinter einem neueren Hochhauskomplex betrachten, kreisen die Milane über uns und wir genießen die Aussicht über eine Stadt, deren Grenzen durch Dunst und Wildwuchs nicht zu erkennen sind. Dass hinterher ca. 10 Kellner es nicht fertigbringen, eine Rechnung per Hand auszustellen, weil der PC abgeschmiert ist, gehört zu den klassischen Anekdoten in diesem Land und ist wie so oft durch resolutes Handeln zu lösen.

 

Zurück geht’s wieder mit Emirate Airlines, das Essen ist wieder halal, mit richtigem Besteck und ca. 1000 Videos; die Zillionen indischer Gerichte der letzten Tage haben allerdings einen tieferen Eindruck hinterlassen. Mittlerweile habe ich ein neues Kochbuch.